Mein Freund Khalil

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Ich lernte Khalil vor ein paar Monaten per Zufall kennen. Gerade war ich mit einem Kollegen für ein Projekt am Westbahnhof unterwegs, als wir auf den „Kids Corner“, eine Kinderbetreuungsstätte zur Unterstützung geflüchteter Menschen, stießen. Dort fiel uns ein relativ kleiner Junge auf, der hinter dem Tresen stand und eifrig Brote schmierte. Sein Name war Khalil, er war vor einem Monat aus dem Irak über die Türkei nach Österreich geflüchtet und war seiner Aussage nach 20 Jahre alt. Das konnte ich kaum glauben, da er so viel jünger aussah und irgendwie etwas Kindliches an sich hatte, das in mir automatisch einen Beschützerinstinkt auslöste. Schüchtern, aber freundlich war sein Auftreten und auch wenn er so allein auf sich gestellt eine gewisse Zerbrechlichkeit ausstrahlte, war diese sofort verflogen, wenn er seiner Arbeit nachging. Mit einem Funkeln in den Augen erzählte er, dass er seit seiner Ankunft täglich ehrenamtlich am Westbahnhof mithalf und dolmetschte, da er Arabisch, Kurdisch und Türkisch, sowie etwas Englisch sprach. Er liebte es zu arbeiten und sein größter Stolz war es, dass er jeden Morgen die Verantwortung hatte die Räumlichkeiten aufzusperren.

Als wir uns gerade wieder zum Gehen wenden wollten, stellte sich heraus, dass Khalil die letzte Nacht auf der Straße hatte schlafen müssen, da seine Notschlafstelle voll gewesen sei. Etwas in mir krampfte sich zusammen und auf einmal wurde mir die Müdigkeit bewusst, die wie ein Schleier auf dem Gesicht des jungen Mannes lag. Sofort boten wir an ihn zu einem anderen Flüchtlingsheim zu begleiten, das wir als Nächstes aufsuchen wollten. Am Weg lernten wir den Iraker besser kennen, die Konversationen waren anfangs aufgrund der Sprachbarriere etwas schleppend, aber schließlich erfuhren wir, dass Khalil leidenschaftlich Fußball spielte, seine Lieblingsmusik der Soundtrack von Titanic war und er in seiner Heimat von früh bis spät als Kebapverkäufer gearbeitet hatte. Es war eine Arbeit, die er wirklich gerne gemacht hatte, wie er uns stolz mit diversen Videos aus diesen Tagen bewies. Schnell fasste der Junge Vertrauen zu uns, half mir höflich in die Jacke und achtete penibel genau darauf, dass ich ja vorsichtig beim über die Straße gehen war. Ich war etwas ergriffen, als er plötzlich wie ein Kind nach unseren Händen griff und in unserer Mitte ging, als sei er unser verlorener Sohn.

Die harsche Realität holte uns jedoch bei der nächsten Schlafstätte ein, die als Erstaufnahmezentrum ebenso voll war, weshalb die Leute abgewiesen werden mussten. In uns kam Panik auf, wir konnten nicht einfach nach Hause gehen und den Jungen der Obdachlosigkeit überlassen, also suchten wir weiter. Die Mitarbeiter schickten uns zum Ferry-Dusika Stadium, zu dem wir Khalil schließlich brachten, wie hätte er auch ohne Sprach- und Ortskenntnisse dorthin finden können? Die BetreuerInnen im Stadium waren freundlich, doch konnten sie auch nicht über die schwierigen Verhältnisse der Notunterkunft hinwegtäuschen – viele Menschen, wenig Platz, keine Privatsphäre. Unser Schützling richtete sich einen Schlafplatz am Boden neben der Tür, Betten oder Einrichtung gab es nämlich nicht. „Wohin geht ihr?“, fragte er als es schließlich Zeit für die Verabschiedung war. „Nach Hause“, antworteten wir fast beschämt. Noch nie hatte ich mich so schlecht gefühlt, als ich ihn zurückließ um nach diesem langen, anstrengenden Tag mein Bett aufzusuchen.

Seit diesem Treffen sind einige Monate vergangen und Khalil und ich sind Freunde geworden. Ich will ehrlich sein, es bringt einige Herausforderungen mit sich eine Person, die so viel mitgemacht hat, in sein Leben zu lassen. Wie kann man denn „normal“ mit einem Menschen mit Fluchthintergrund befreundet sein? Die rechten SympathisantInnen in der Bevölkerung würden wahrscheinlich an dieser Stelle Bestätigung finden und meinen – das geht nicht. Ich meine es funktioniert, aber es ist schwierig, denn es geht mit einer besonderen Verantwortung einher, die so in „herkömmlichen“ Freundschaften nicht besteht. Fast jeden Tag läutet mein Telefon und es ist mein irakischer Freund, der einfach kurz reden will, denn aufgrund komplizierter Familienverhältnisse lebt er allein und hat wenig Anschluss zu Österreichern. Das Bewusstsein, eine der wenigen Kontakte zu sein, an die sich ein Mensch klammert, wiegt schwer auf einer Freundschaft.

Wenn wir Kaffee trinken gehen, wähle ich bewusst Orte, wie das McCafé, denn trotz seiner Situation ist Khalil extrem großzügig und will mich immer auf einen Kaffee einladen. Das erlaube ich nach langen Diskussionen manchmal, will dann aber zumindest in einem Café sein, wo das finanziell für ihn halbwegs möglich ist. Wenn ich für meine Prüfungen lerne und wochenlang wenig Zeit habe, ist das schwer zu verstehen für den Jungen und ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich weiß, dass er oft einsam ist. All das klingt, als wäre dieser Freund bloß eine Last für mich, die ich aus Mitleid auf mich nehme. Das ist aber nicht der Fall, denn trotz all dieser Schwierigkeiten gibt mir Khalil in dieser Freundschaft auch sehr viel, denn er hat ein sehr großes Herz. Sogar wenn wir manchmal wegen der Sprachbarriere nicht verstehen was der andere meint, haben wir immer viel zu lachen. Wenn wir etwas trinken gehen, scherzen wir immer ausgelassen darüber, dass Khalil „Zucker mit Kaffee“ trinkt, denn sein Zuckerkonsum ist unvergleichlich hoch. Manchmal borgt er mir seinen Scooter und wir düsen gemeinsam über den Westbahnhof, nur damit ich nachher in der U-Bahn draufkomme, dass er wieder Kekse in meiner Tasche versteckt hat, die ich vorher aus Höflichkeit nicht annehmen wollte. Irgendwann war er dann bei meinen Eltern zum Essen eingeladen, seit diesem Tag bezeichnet er uns als seine österreichische Familie.

Khalil ist nun Teil meines Lebens geworden und deshalb lebe oft mit ihm mit, was er durchmachen muss. Zwei Wochen suchten wir im Februar intensiv zusammen nach einem Deutschkurs, die sind zurzeit nämlich Mangelware. Wir fuhren durch die ganze Stadt, um Organisationen anzufragen, aber erst nach stundenlangem Telefonieren und dem erfolgreichen Twitter-Aufruf einer Freundin wurden wir schließlich fündig. Die Prüfung, die ich zu der Zeit geplant hatte, musste ich verschieben, aber ich dachte mir, was soll’s – das kann ein bisschen warten, seine Zukunft aber nicht! Abgrenzen muss ich mich natürlich trotzdem, denn es ist sein Leben und so machtlos man sich manchmal fühlt, habe ich die Umstände, die seinen Alltag erschweren nicht in der Hand. Der „Kids Corner“ wurde geschlossen und er arbeitet jetzt freiwillig als Übersetzer bei der Caritas, den Rest der Zeit ist er aber oft unterbeschäftigt. In seinem Asylverfahren hat sich nichts getan und seit es in seiner Familie einen überraschenden Todesfall gab, wirkt er immer wieder hoffnungslos. Aufgrund der traumatischen Erlebnisse in seiner Heimat quälen ihn Albträume in der Nacht. Wenn er mir dann erzählt wie gern er arbeiten und etwas zur Gesellschaft beitragen will, weiß ich nicht was ich sagen soll. Ich verstehe ihn so gut, denn ich sehe wie er beim Arbeiten aufblüht. Ich weiß aber auch, dass sich aufgrund der schwierigen Lage seine Situation so bald nicht ändern wird. Manchmal habe ich Angst, dass der sensible Junge daran zerbrechen wird.

Letztens hatten wir auch ein unangenehmes Erlebnis in der U-Bahn, als ihn ein Betrunkener anpöbelte, mit dem Mittelfinger im Gesicht herumfuchtelte und „Scheiß Islam“ brüllte. „Was war das, was wollte dieser Mann?“, fragte er mich daraufhin. Zum Glück hatte er die Beschimpfungen nicht verstanden und ich konnte und wollte sie ihm nicht erklären. Dass etwas nicht stimmte, war ihm natürlich bewusst. „Ich verstehe das nicht.“, murmelte er. „Ich auch nicht.“, meinte ich und schämte mich für meinen betrunkenen Landsmann. Wie einen kleinen Bruder, wollte ich ihn so gern vor diesem Hass bewahren, aber ich konnte es nicht, die Aggression war uns in der U-Bahn aufgelauert.

Was mir trotz allem Kraft gibt ist die Hoffnung, dass ein so besonderer Mensch wie er, mit einem Herz so groß wie die Distanz, die er auf der Suche nach Sicherheit hinter sich gebracht hat, doch auch mal Glück haben muss im Leben. Er muss doch irgendwo ankommen dürfen, er hat sie verdient, die Chance auf dieses Leben. Ein gutes Leben, denn zurzeit ist im Abseits als Fremder, dem das Gefühl gegeben wird Eindringling zu sein im reichen Österreich. Nur weil er nicht wie in seiner Heimat ständig mit dem Tod bedroht ist, steht ihm dennoch Lebensqualität zu, denn dafür gibt es sie schließlich, die Menschenrechte.

Es ist einer dieser Tage, wie so oft klingelt das Telefon, es ist Khalil und ich zögere abzuheben. Immer wieder will ich mich einfach nicht konfrontieren mit seinem Schicksal, würde am liebsten die Augen verschließen und vergessen wie grausam die Welt da draußen sein kann, die durch den Telefonhörer in meinen heilen Alltag dringt. Beim letzten Klingen entscheide ich mich jedoch anders und nehme den Anruf an. Denn ich weiß, ich kann die Realität vielleicht einfach wegdrücken, aber er kann das nicht.

 

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© Stephan Zenz

 

„Die Uni Wien mag keine DoppelstudentInnen“- Vielseitigkeit unerwünscht

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„Die Uni Wien mag keine DoppelstudentInnen“.

Dies war der einschlägige Kommentar einer Fakultätsmitarbeiterin, der mir aus meinen ersten Wochen an der Universität in Erinnerung blieb. Frisch vom Gymnasium kam ich mir vor wie ein aus dem Nest gestoßener Vogel und konnte nicht glauben, was ich da hören sollte. „Bitte, was?“, stammelte ich mit hochrotem Gesicht und fragte mich, ob ich da etwas falsch verstanden hatte. Alles war neu. Alles war fremd. Alles war irgendwo zwischen aufregend und angsteinflößend.

Als junge Frau mit multiplen Interessen und noch weitreichenderen Idealen und Visionen hatte ich mich für zwei Studien entschieden, um herauszufinden, was ich denn wollte im Leben. Für mich ist ein Beruf nicht nur eine bloße Pflicht, die es zu erfüllen gilt, um das nötige Geld für ein erfülltes Leben zusammenzubekommen. Nein, für mich bedeutet Beruf Erfüllung – oder zumindest ist es das, was ich einmal anstrebe.

Arbeit aus Leidenschaft, Studium aus Begeisterung, Lernen als Privileg.

Nach Jahren an einer überfüllten Universität, in einer Gesellschaft, die Studierende abwechseln als „Faulenzer“ und Rebellen hinstellt, fällt es mir manchmal schwer mich an diese Wünsche zu erinnern. Rechtswissenschaften und Internationale Entwicklung wählte ich damals, vor über fünf Jahren, um meinen ausgeprägten Gerechtigkeitsgedanken nachzuverfolgen und die Welt zum Besseren zu verändern. Naiv, mögen manche sagen, aber für mich war das Studium eine aufregende Zeit, voller Möglichkeiten mich Weiterzuentwickeln und zu Wachsen.

Hatte ich mich in der Schule noch oft eingezwängt von starren Normen gefühlt, die mich drängten trotz gegenläufiger Interessen den Satz des Pythagoras und physikalische Formeln auswendig zu lernen, konnte ich jetzt wählen, was ich lernen wollte. Und ich wählte zwei Dinge, weil mir meine Interessen und mein Potenzial mit einem nicht erschöpft schienen. Heute weiß ich nicht mehr, ob ich wieder genau so entscheiden würde. Bürokratische Hürden, Geldsorgen und der ständige Druck des Finanzamtes machen mir zu schaffen, weil ich als Studentin nicht so funktioniere, wie sich der Staat das vorstellt. Ich studiere nämlich nicht nur, ich arbeite:

9 verschiedene Jobs habe ich in meiner Studienzeit ausgeführt, meine Arbeitserfahrung reicht von frustrierenden Studentenjobs im Verkauf und am Christkindlmarkt bei jedem Wind und Wetter, bis zu eher interessensorientierten Tätigkeiten in einer Rechtsanwaltskanzlei und im Bereich des Journalismus. Nicht zu vergessen darunter die zahlreichen mehr oder weniger bezahlten Praktika und mein ehrenamtliches Engagement in der Asylrechtsberatung, einer Schule in Nicaragua und bei einer Umweltkonferenz der UNO. Diesen Herbst organisierte ich ein eigenes Flüchtlingsprojekt, das ein voller Erfolg war, aber viel Zeit und Energie in Anspruch nahm. Nebenbei besuche ich freiwillig Sprachkurse und Seminare, um mich weiterzubilden. Irgendwann erfüllte ich mir meinen Traum und ging auf Erasmus nach Frankreich – ich dachte es würde auch meinem Studium zugute kommen.

Warum schreibe ich das alles? Damit ich Anerkennung bekomme? Damit ich weitere Referenzen für meinen Lebenslauf erhalte? Nein! Ich schreibe das alles, weil ich damit verdeutlichen will, dass ich nicht die Regelstudentin bin, die sich die Universität vorstellt. Ich weiß wir sind privilegiert zu studieren, ich weiß wir bezahlen nichts für unser Studium – und ich will bei Gott keine Debatte über die Studiengebühren anfangen. Es geht darum, dass ich es einfacher im Leben gehabt hätte, wenn ich auf Einheit statt Vielfalt gesetzt hätte. Um keine Unannehmlichkeiten zu haben, hätte ich mich nur für ein Studium entscheiden, nicht oder möglichst wenig arbeiten und schon gar keine ehrenamtlichen Tätigkeiten übernehmen sollen.

Denn seit einigen Semestern plagen sie mich, die Ämter und Behörden:

„Sehr geehrte Frau Rainer! Schicken Sie uns bitte auf schnellstem Wege das Abschlusszeugnis des zweiten Studienabschnittes zu.“ Das habe ich noch nicht. Irgendwo zwischen zwei Studien, diversen Jobs und einem Rest Privatleben konnte ich nicht mehr so „performen“, wie es nötig gewesen wäre, um als „fleißige“ Studierende zu gelten, die es verdient, nicht für ihre Ausbildung bezahlen zu müssen. Für Studienbeihilfe habe ich mich knapp nicht qualifiziert. Und dann kam eine Prüfung, die mir schwerer fiel und mich mehr Zeit kostete.

Ich wand mich und suchte jede Lücke ab, um den angekündigten Konsequenzen zu entgehen. Es war mir, die so stark an die Gerechtigkeit des Systems glaubte, nicht möglich einzusehen, dass ich mehr als verlangt erbrachte und nun für meine „Zusatzleistungen“ bestraft sein sollte. 2 Semester konnte ich berechtigterweise rausschlagen, mehr ging nicht mehr. Hätte ich nicht auf mein Recht verwiesen oder mich informiert, wären meine Förderungen schon viel früher eingestellt worden.

Seit diesem Studienjahr ist es nun weg, das staatliche Geld. Gleichzeitig muss ich Studiengebühren zahlen, denn wer zwei Fächer studiert, muss mit beiden in der Regelzeit sein. Welcher Roboter das schaffen soll ist mir unerklärlich. Ich lebe nun mit einem drohenden Damoklesschwert über meinem Kopf. Sicher, es ist nicht der Untergang der Welt, aber ich habe ein schlechtes Gewissen, meinen Eltern gegenüber, die mich bedingungslos unterstützen, denen das allerdings alles andere als leicht fällt.

StudiumVor jeder Prüfung habe ich einen Druck in der Magengrube – das muss jetzt geschafft werden, sonst muss ich wieder zahlen, nächstes Semester. Das Studieren ist kein Genuss mehr, es ist zum Routenlauf geworden, um möglichst schnell abzuschließen.

Währenddessen ich verzweifelt nach einer Lösung suche, kennen einige meiner StudienkollegInnen diese Probleme nicht. Aufgrund der finanziellen Unterstützung von zuhause ist es für sie nicht notwendig zu arbeiten und für die Uni müssen sie nicht zahlen – sie sind ja in der Regelzeit. Ich gönne ihnen diese Möglichkeit, ich verstehe nur nicht, wieso ich es schwerer haben soll, nur weil ich einen anderen Weg gewählt habe.

Dabei heißt es doch die Studienzeit sei eine Möglichkeit sich frei zu entfalten, Erfahrungen zu sammeln und Dinge auszuprobieren. Ich soll möglichst viel Zeit in meine Aus- und Weiterbildung investieren, aber gleichzeitig so schnell wie möglich zum Abschluss kommen, damit ich dem Staat nicht zu viel koste. Wie passt das zusammen, frage ich mich? Vor allem in der heutigen Berufswelt in der außeruniversitäre Leistungen vorausgesetzt werden und ich als Vertreterin der „Generation Praktikum“ möglichst viel Arbeitserfahrung vorweisen soll. Die Anforderungen werden der Realität nicht gerecht und umgekehrt.

Doch während ich für die eine Prüfung lerne, kalkuliere ich Fristen, schmiede Pläne, erarbeite Strategien, um möglichst schnell aus dieser Zwickmühle zu kommen. Fazit: Es hilft nichts, ich müsste ein Übermensch sein, um meine beiden Studien in kürzester Zeit abzuschließen. Ernüchtert stelle ich fest: Ich, die das System verändern wollte, scheitere irgendwo an den starren Strukturen des Systems.

„Die Uni Wien mag keine DoppelstudentInnen“, hallt in meinem Kopf. Das macht mich wütend und traurig, aber wen kümmert’s!

Was mache ich denn überhaupt? Ich sollte mich nicht beklagen, zum Schreiben bleibt eigentlich gar keine Zeit. Ich sollte wieder zum Lehrbuch greifen, so wie die Universität und der Staat sich das wünscht. Aber ist das wirklich im Sinne der Studierenden?

(Alb)Traumberuf JournalistIn

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Wir alle sind geschockt, traumatisiert, sprachlos.

Wer hätte gedacht, dass so etwas passieren könnte – in Europa, in Frankreich, dem Land, das sich Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit auf die Fahnen geschrieben hat. Die Realisierung ist jedoch, dass Europa schon lange keine sichere Insel ist, die sich vor den Problemen der Welt abschotten kann. Wieso sollten „wir“ geschützter sein, als andere Kontinente vor Terror, Anschlägen und Hassakten? Es geht hier nicht darum schwarzmalerische Prognosen zu treffen, oder die Anschläge in Paris herunterzuspielen. Aber ob wir es wollen oder nicht, der gewalttätige Trend gegen Toleranz und Meinungsfreiheit nimmt seinen Lauf und wir können nicht mehr die Augen davor verschließen.

Der Beruf der JournalistInnen wird immer gefährlicher, das haben uns vor allem die Ereignisse 2014 verdeutlicht. Die Organisation „Reporter ohne Grenzen“ zählte im letzten Jahr 178 Personen in Haft, 119 Entführungen und 68 Todesopfer. So schrecklich wie dieses Jahr beginnt, könnte die Zahl bald noch höher sein.

Und doch geht es nicht nur darum, sich durch diese Taten einschüchtern und den Mund verbieten zu lassen. Das ist genau das, was sie wollen. Sie, das sind TerroristInnen, FanatikerInnen, Regime, Geheimdienste – all diejenige, denen die Wahrheit wehtut, oder der Humor, wie sich jetzt zeigte.

Mögen die Zahlen der von Repressalien, Einschüchterungen und Tod bedrohten ReporterInnen noch so tragisch sein, so geht es doch um die Individuen hinter der Statistik. Und die haben alle etwas gemeinsam: Die AufdeckerInnen, FreiheitskämpferInnen und VerfechterInnen der freien Meinungsäußerung haben ihr Leben gelassen, weil sie für ihre Werte eingestanden sind.

Ich möchte das alles nicht schönreden. Jedes dieser Todesopfer war sinnlos, jedes Unterdrücken von BerichterstatterInnen ist gleichzeitig ein Angriff auf unsere Demokratien, die nur leben können, wenn die Menschen in ihnen frei sind zu sagen was sie denken. Wieso wird der bestraft, der Missstände aufdeckt, und nicht die VerursacherInnen? Wieso sind auf einmal die JournalistInnen die Terroristen in vielen Gesellschaften?

Als ich aufwuchs und die Erwachsenen mich fragten, was ich werden wollte, antwortete ich stolz und furchtlos – Journalistin. Die Zeiten haben sich geändert: Stolz bin ich immer noch, aber die Angst und der schale Nachgeschmack der jüngsten Ereignisse bleibt. Wenn meine Tochter mir jetzt vorschlagen würde Auslandsjournalistin zu werden – ich wäre besorgt.

Seine Meinung zu äußern, muss sicherer werden. Toleranz – egal in welche Richtung – ist zum Fremdwort geworden und das ist fatal. Denn auf einmal werden Stimmen laut gegen den Islam, gegen AusländerInnen, gegen Völkervielfalt. Auch Rechtsradikale profitieren von den traumatischen Ereignissen und deshalb sollten wir das GEGEN in ein FÜR umwandeln. Für kulturellen Reichtum, für Religions- und Meinungsfreiheit und für Integration. Denn wenn wir Misstrauen schaffen und in unserer Gesellschaft zulassen, haben die Täter gewonnen.

Wenn uns die Opfer der Karikaturisten von Charlie Hebdo eines gezeigt haben, dann das: Wogegen wir gemeinsam, Hand in Hand, einstehen sollten, ist der Kampf gegen den Hass.

#JeSuisCharlie

Dear Hany – a letter to a Syrian refugee

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Background: Recently I met with the UNHCR spokesperson who told me she met an inspiring young man in one of the refugee camps in Lebanon. The situation there is tense, the little country in the Middle East with four million people has taken in over one million Syrian refugees. We are facing now the most severe refugee crisis since the Second World War. But I don’t want to bore you with numbers, I want to tell the personal story of one young refugee and I decided to write him a letter.

Dear Hany,

You will probably wonder who’s this strange person that’s writing you. I know we haven’t met and maybe we never will. We come from two different worlds: I am a 22-year old Austrian woman living in Vienna and you are a young man from Syria living in a refugee camp in Lebanon. The realities we face every day are very different. I am living in one of the countries with the highest quality of living and I am able to study what I want.

I am passionate about what I am doing, full of ideas and plans for a career and hopefully one day finding a job that I love. Often I get upset about the little things and rant for hours about topics that I cannot even remember the next day. You on the other hand have to struggle everyday to cope with the harsh reality of being driven out of your nation, your home and losing the easy-going life and the prosperous future every young person should have. From what I heard about you, all you want to have is the opportunity to learn, to study, to have a future.

I am not telling you this to make you feel bad, I am telling this to you because I want you to know that you are not forgotten. You are not one of the statistics that the media presents us everyday when they talk about Syria. You are not a faceless, nameless person that many western people pity for a moment when they turn on the evening news. Everything you are and everything you go through inspires me. You may think you haven’t gotten much and what is this silly girl talking about that doesn’t know you a bit?

Photo credit: UNHCRMaybe I am out of line, maybe this is not my place, but today somebody told me your story. It touched me deeply, it shook me to the core and I knew that I had to tell your story to other people. From what I’ve heard you risked your life to get something that is totally normal for me: a school education. Threatened by bombs and danger you still attended school. Asked what one thing you took with you when forced to flee you answered “my high school diploma”.

Having the possibility to go to school and enjoy education freely and safely is something that many schoolkids here don’t value, because they just can’t imagine it differently. I am grateful for living in the very safe country of Austria, but also I know that many people (me sometimes included) take important things for granted.

We are used to stroll around the streets even at night, go grocery shopping to find everything we need in a store or reward ourselves with a little luxury sometimes. We worry about how we can afford that new car we are sure to need so badly, we complain about our neighbours that are too loud and are very often dissatisfied with the weather. Sure there is also poverty and inequity in our country. But the problem is that our society is often numb to the problems people like you face in the world. We cannot imagine a life in fear, we cannot understand what you are dealing with on a daily basis.

It is not always out of ignorance, it is because we are swamped by catastrophic headlines and we only have access to certain information that doesn’t reflect the person behind a war in a conflict area. But here are you. And you are fighting every day against the difficult perspective of living in a refugee camp together with hundreds, no thousands of other people.

“If I am not a student, I am nothing” is what you said to the UNHCR spokesperson that met with you and you said it in good English that you learned yourself out of reading excessively Dan Brown novels.

I so wish I could help you. I know it sounds naive, but if I had the money and the possibility there would be nothing more rewarding for me to hop on a plane right now and try to enable you of getting the education that you deserve. It is not out of pity, it is your right to demand a future. How is it fair that two young energetic people have such different opportunities in life? How is it possible that the random factor of where I am born determines what life I can live – if I can live a life in dignity. You shouldn’t worry about getting the education you so desperately want, you shouldn’t even have to ask for it, it should be granted to you as a human right. Why do we officially have human rights for everyone, if the majority of the world is always excluded from their basic rights?

I know you are not the one to answer all my questions, it is not your fault that your country is torn apart by war and mine isn’t. What I want to tell you is – you are not alone. There are people thinking about you, sending their hopes and messages to you from another part of the world. They care about you although you never met them. I care about your future. I care about the future of all refugees with so much potential that is wasted due to stupid bureaucracy, discrimination and inequality.

Until I can actually afford helping you to reach your dreams, all I can do for the moment is to send you my message and my support. I know it is not much, but it is what I can give you in a first step.

Thank you Hany, for being brave. Thank you for being an example. You are an everyday hero.

Yours,

Julia

Photo credit: UNHCR

Kleidung für Kobane – Wir wollen bewegen

Die Story hinter der Aktion: Uns haben die katastrophalen Ereignisse in Syrien und im Irak erschüttert. Gewalt, Propaganda, Unvorhersehbarkeit stürzen von allen Seiten auf die Bevölkerung ein.

Was bleibt: Eine unerträgliche Hilflosigkeit angesichts des Elends der Menschen auf der Flucht. Dazu kommt ein Erschrecken gegenüber der Art und Weise, wie in Österreich die Debatte um Asyl – ein Menschenrecht – geführt wird. Das hat uns den nötigen Impuls gegeben, um etwas in die Hand zu nehmen.

Der kurdische Winter steht vor der Tür und stellt eine Bedrohung für die Situation in den Flüchtlingscamps da; den Hilfsorganisationen vor Ort fehlen die Kapazitäten. Julia Rainer hörte von Bekannten der kurdischen Community in Wien, die an die  irakisch-türkische und syrische Grenze fahren würden, um vor allem Winterkleidung und Kinderkleidung an die Flüchtlinge zu liefern – es fehlt aber natürlich an Allem.

Nach einem Jahr Erfahrung im Asylrechtsbereich hat Julia dieses Thema nicht losgelassen – sie beschloss, zu mobilisieren.

Was zunächst im engeren Freundeskreis begann, bekam sehr schnell eine bewundernswerte Dynamik: Die Menschen, die sich auch ohnmächtig fühlten, begann für das so einfaches Konzept  zu glühen – und einen alten Pulli hat jeder zuhause.

Das zeigt: Die Bereitschaft der Menschen zu helfen ist extrem groß, was sie brauchen ist vor allem eine Plattform dafür. Wir wollten ganz unmittelbar handeln und helfen können – und den Menschen das auch vermitteln. Über Social Media haben wir einen Shout-out gestartet – danach ging alles Schlag auf Schlag. Innerhalb von nur drei Tagen meldeten sich unglaublich viele begeisterte Freunde, Bekannte, und Entferntere und die Aktion begann – aus ganz Wien wurden Säcke mit Kleidung gesammelt.

An nur einem Tag sind über 200 Menschen Fans unserer Facebook-Seite beigetreten – #KleidungfürKobane war ins Leben gerufen. Das zeigt uns: es kann mit wenigen Mitteln etwas geschehen.

Wir wollen spenden, was grundsätzlich ist: Kleidung. Jeder und jede kann dazu beitragen.

Diese unglaubliche Energie wollen wir gerne nutzen, weiterführen und offizieller machen.

Jede Hilfe dafür ist gern gesehen!

Und die lang ersehnte Antwort lautet…

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Im Zuge meines vorherigen Blogs habe ich einen Brief bezüglich der Asylpolitik unseres Landes an das Büro von Herrn Strache geschickt. Die Reaktionen auf meinen Artikel waren überwältigend, sowohl auf der positiven als auch auf der negativen Seite. Nie hätte ich damit gerechnet, dass sich ein Text, den ich eigentlich nur für mich persönlich geschrieben habe, um meinen Frust abzubauen, so schnell verbreitet und wirklich viel Anklang findet.

Zu den negativen Stimmen ist zu sagen, dass ich Kritik akzeptiere, aber teilweise geschockt bin, was ich für aggressive und hasserfüllte Kommentare erhalten habe. Nur weil ich jung bin, heißt das nicht, dass ich keine Ahnung vom Leben habe und nur weil Kommentare anonym sind, bedeutet das nicht, dass sie einen nicht verletzen können. Meinungsfreiheit ja (die besteht ja für mich auch), aber bitte liebe Leser respektiert, dass ich bloß meine persönlichen Ansichten mit keinem Anspruch auf Allgemeingültigkeit wiedergebe und generell die ganze Diskussion auf einem gewissen Niveau halten möchte.

Nichtsdestotrotz möchte ich euch die offizielle Antwort auf meinen Brief nicht vorenthalten, auch wenn diese recht dürftig ausgefallen ist und nicht wirklich inhaltlich auf meine Beschwerde eingeht.

 

„Sehr geehrte Frau xxxx!

Danke für Ihre E-Mail bezüglich der namentlichen Zusendung!

Alle im Parlament vertretenen Fraktionen haben Zugriff auf die sogenannte Wählerevidenz. In dieser Liste sind alle für die Nationalratswahl 2013 wahlberechtigten Personen Österreichs registriert. Wir haben Ihren Namen und Ihre Adresse für diese Zusendung verwendet und garantieren Ihnen, dass wir Ihre Daten nicht an Dritte weiter geben werden. Darüber hinaus werden Ihre Daten nicht von uns gespeichert und/oder missbräuchlich verwendet. Wenn Sie mit unserer Zusendung nicht einverstanden sind, steht es Ihnen frei, diese ungeöffnet zu entsorgen! Nichts desto trotz möchte ich Sie bitten, den Inhalt unseres Schreibens zumindest einmal unvoreingenommen zu lesen. Sie werden erkennen, dass es auch in Ihrem Interesse sein wird, sehr geehrte Frau xxxx, wenn bei der anstehenden Nationalratswahl die politischen Kräfteverhältnisse in Österreich grundlegend geändert werden. Mit Ihrer Stimme für die FPÖ tragen Sie dazu bei, dass es künftig eine selbstbewusste, patriotische Politik für unsere Österreicherinnen und Österreicher geben wird. In diesem Sinne verbleibe ich

mit freundlichen Grüßen

xxxx
Büro HC Strache“

Brief an Herrn Strache oder wie mich meine Wut zum Bloggen brachte..

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Sehr geehrter Herr Strache,

letztens habe ich wie vor jeder Wahl einen Ihrer „netten“ Briefe ins Haus bekommen, zusammen mit einem der berühmt berüchtigten „Sagen-Comics“, über den schon öfter heftig diskutiert wurde. Sie adressieren Ihre Wahlwerbung also direkt an mich, wollen ja an die jungen Leute appellieren und da ich eine junge wahlberechtigte Studentin bin, möchte ich Ihnen hiermit einmal gerne persönlich antworten.

Seit Wochen, nein Monaten, ärgere ich mich nun nämlich über Sie und Ihre Partei, was nichts Neues wäre, wenn es nicht einen speziellen Punkt betreffen würde: die Asylpolitik. Ich weiß es ist eines Ihrer Lieblingsthemen und Kernstück der blauen Agenda, doch wie ich Ihnen leider mitteilen muss haben Sie KEINE Ahnung von der Realität der Asylpolitik. Die Lügen, die Sie auf Ihren Plakaten verbreiten, die Angst bzw. die Fremdenfeindlichkeit die Sie schüren, das alles beruht auf Annahmen und Pseudo-Fakten, die schlicht und einfach Vorurteile sind. Was weiß ich schon davon, würden Sie vielleicht fragen und Ihr siegessicheres Lächeln aufsetzen. Ich mag vielleicht kein Politiker oder Entscheidungsträger in diesem Land sein, aber ich habe mich im Gegensatz zu Ihnen mit den „bedrohlichen“ Asylwerbern beschäftigt, als ich fast ein Jahr ehrenamtlich in der Asylrechtsberatung einer NGO tätig war. „Aha!“, würden Sie jetzt rufen, „Sie sind also eine Beitragstäterin!“ Richtig, das war es nämlich, was Sie im letzten Jahr propagierten, jeder der Asylanten hilft, ist gleichzeitig ein Beitragstäter im Asylbetrug.

Was soll das eigentlich mit dem Asylbetrug? Ich muss Ihnen wohl kaum erklären, dass jeder Asylwerber in Österreich ein Verfahren durchlaufen muss, das Jahre dauert, frustrierend und kompliziert ist und in der Mehrheit der Fälle negativ ausfällt. Asylbetrug, wie Sie ihn nennen, ist faktisch nicht möglich, außer Sie sprechen den zuständigen Beamten ihre professionelle Fähigkeit ab. Im Gegenteil, selbst Menschen, die akute Fluchtgründe vorweisen, werden ständig abgeschoben, weil man ihnen einfach keinen Glauben schenkt. Und dann hört man in den Medien nicht das erste Mal von Fällen, in denen aus Österreich abgeschobene Teschetschenen verschwinden oder tot aufgefunden werden. Die Gefahr der Verfolgung zieht sich ja offenbar bis nach Österreich, wie der Fall des in Wien getöteten Umar Israilov zeigte.

Was werfen Sie denn noch vor? Asylwerber sind Schmarotzer und nutzen den österreichischen Staat aus. Dazu würde ich Sie einmal dazu anhalten mit den Betroffenen zu reden. Natürlich sind sie auf Hilfe angewiesen, aber man kann kaum jemanden einen Schmarotzer nennen, der 30 Euro Taschengeld im Monat bekommt, zusammengepfercht in einem überfüllten Asylheim leben muss und sich nicht einmal das Ticket für die öffentlichen Verkehrsmittel leisten kann. Asylwerber werden in die Rolle von „Schmarotzern“ gedrängt wenn Sie es so nennen wollen, weil ihnen die Möglichkeit genommen wird zu arbeiten. Jeder zweite meiner Klienten fragte mich wieso er oder sie denn nicht arbeiten dürfe. Die Menschen wollten meist arbeiten, wollten nützlich sein, wollten sich integrieren. Viele waren motiviert Deutsch zu lernen und machten schnellere Fortschritte, als manch einer von uns es wahrscheinlich in Russisch, Persisch oder Arabisch machen würde.

Es sind leider Leute wie Sie, die Integration erschweren und verhindern, da Ihre Hetze einen noch tieferen Graben zwischen die eingesessenen Österreicher und die „Fremden“ gräbt. In einer Zeit der Wirtschaftskrise, in der die Unsicherheit der Bevölkerung groß ist, nützen Sie die Möglichkeit um mit dem Finger auf die Schwächsten unserer Gesellschaft zu zeigen, sie zu Sündenböcken zu machen und vorzuverurteilen. Natürlich sind Sie nicht der Einzige, der das tut, aber der Unterschied ist, dass Sie leider ein politischer Entscheidungsträger sind, der diese Anschuldigungen öffentlich verbreiten kann. Sie können ja froh sein, dass diejenigen, die Sie in ihren Parolen schlecht machen, als Asylwerber nicht wahlberechtigt sind. Auch können Sie sich nicht gut wehren, da viele der Betroffenen erst seit kurzem hier sind und die Sprache noch nicht ausreichend beherrschen.

Sind das alles Lügner? Ich habe viel gehört, gesehen und gelernt bei meiner Zeit in der Asylrechtsberatung. Ich bin 20 Jahre alt und habe KlientInnen vor mir gehabt, die wesentlich jünger waren als ich und so viel mehr durchmachen mussten als ich es hoffentlich jemals erleben werde. Sie haben mir ihre Geschichten erzählt, geprägt von Folter, Verfolgung, Angst und Tod, die meisten von ihnen waren allein, getrennt von ihren Familien. Der Großteil der Asylwerber denkt sich diese Geschichten nicht aus, kein vernünftiger Mensch würde das tun! Das Problem ist, dass ihre Gründe meist nicht „schlimm“ genug sind, damit Asyl in Österreich gewährt wird. Meine paradoxe Aufgabe als Beraterin war es oft, den Menschen zu sagen, dass sie leider nicht „genug“ durchgemacht, nicht in dem Sinne verfolgt, oder nicht so bedroht waren, dass das als Fluchtgrund anerkennt worden wäre. Je trauriger die Schicksale, desto eher ein Erfolg im Asylverfahren, so funktioniert das System.

So passierte es einmal, dass ich ein 15-jähriges wissbegieriges Mädchen vor mir hatte, das kurz vor ihrem Hauptschulabschluss stand und fünf Sprachen sprechen konnte, darunter nahezu akzentfreies Deutsch. Sie hatte zwei negative Asylbescheide und ich musste ihr sagen, dass sie kaum Aussicht darauf hatte in Österreich bleiben zu können. Warum das so ist, weiß ich bis heute nicht! Für einen jungen Mensch wie mich, der eigentlich an Gerechtigkeit und einen fairen Umgang mit Menschen glaubt ist die Einsicht, dass diese Ideale im Asylverfahren kaum existieren, die wohl bedrückenste, die ich gewonnen habe. Sind diese Menschen, die Bedrohung von der Sie sprechen? Sind sie schuld an ihrem eigenen Schicksal, aufgewachsen zur falschen Zeit am falschen Ort? Was würde passieren, wenn wir Österreicher irgendwo um Schutz bitten müssten, wie es in der Geschichte doch auch schon vorkam?

Herr Strache, Sie predigen Nächstenliebe, aber ich glaube, die Ihre geht nicht über die eigene Nasenspitze hinaus.

Warum ich Ihre Partei nächsten Sonntag also nicht wählen werde, ist glaube ich jetzt klar geworden. Noch eines: Ich hätte auch gern die Macht und die Möglichkeit wie Sie „nette“ Briefchen an fast jeden österreichischen Haushalt zu schicken, um den Leuten einmal meine Meinung zu dem Thema kundzutun, aber das entspricht leider genauso wenig der Realität, als dass Sie diesen Brief jemals wirklich lesen werden. Nichtsdestotrotz würde ich mir wünschen, dass, wenn Ihnen die Jugendperspektive so wichtig ist, Sie, statt in der Passage zu feiern, sich der Lebensrealität stellen, die Ihre Aussagen betrifft. Ich lade Sie herzlich ein mir die Arbeit abzunehmen, dem jungen 15-jährigen Mädchen in die Augen zu sehen und ihr zu sagen, dass sie höchstwahrscheinlich keine Zukunft in unserem schönen Land hat. Und wenn Sie dann fragt warum dürfen Sie ihr die Antwort geben! Falls Sie dann immer noch nicht verstehen können, oder WOLLEN, vielleicht kann man Sie dann zu Fortbildungszwecken zu einem Praktikum im Asylrechtsbereich überreden?

Hochachtungsvoll,

eine empörte junge Bürgerin

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